Beethoven hinter der Klostermauer

Sieben Mönche im Harz folgen noch heute den Regeln, die vor rund 1.500 Jahren aufgeschrieben worden sind. Wir haben die Benediktiner begleitet.

Von Christian Schafmeister

Es stürmt nicht nur, es regnet auch und ist bereits dunkel. Dennoch zieht es mich an diesem ungemütlichen Abend Mitte März noch einmal nach draußen. „Drehen wir noch eine Runde“, frage ich Bruder Jakobus, der mich am Morgen an der Pforte des Klosters Huysburg begrüßt hat und seitdem mein Begleiter ist. „Kein Problem, wir können sofort starten“, sagt der Benediktinermönch, zieht sich die Kapuze seines Gewandes über den Kopf und marschiert vorweg.

Seit einigen Stunden begleite ich die Mönche nun schon. Bei ihren Gebeten und bei ihren Mahlzeiten.  Bis zum Mittagsgebet am nächsten Tag kann ich bei ihnen bleiben und habe ein Zimmer im Konvent bekommen, im Wohnbereich der Mönche. Doch mein Kopf ist bereits am Abend voller Eindrücke und Fragen. Und bisher ließ der streng geregelte Ablauf im Kloster keine Zeit für lange Gespräche.

Hinzu kommt: Nach dem Nachtgebet um 19.30 Uhr, dem Komplet, sind die Mönche eigentlich zum Schweigen verpflichtet. Das schreiben die Regeln vor, die Benedikt von Nursius vor 1.500 Jahren für das Kloster Montecassino in Norditalien aufgeschrieben hat und die bis heute Richtschnur  für die Benediktiner sind – auch im Kloster Huysburg bei Halberstadt (Harz). Doch meine Fragen an Bruder Jakobus darf ich an diesem Abend dennoch stellen.  Die Benediktusregel, in der ich am Nachmittag intensiv geblättert habe, erlaubt eine Ausnahme, wenn „das Reden wegen des Gastes nötig sei“. Der Passus eröffnet mit also die Möglichkeit für ein erstes Gespräch.

Und so frage ich Bruder Jakobus, der mit mir trotz der Finsternis in schnellen Schritten einmal um die große Klosteranlage läuft („laufen Sie mir einfach hinterher und orientieren sich an der Klostermauer“),  all das, was mir auf den Nägeln brennt. Wie es etwa für die Mönche ist,  mehrmals am Tag  im Chorgestühl  mit Gästen zu beten, die mit den Abläufen so nicht  vertraut sind und schon einmal  mit dem Einsatz bei einem Psalm daneben liegen?

Natürlich störe das hin und wieder, sagt Bruder Jakobus, verweist aber wieder auf die Benediktusregel, die zum Thema Gäste klare Worte findet. „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus. Hat man die Gäste aufgenommen, nehme man sie mit zum Gebet.“ Will sagen, einen falschen Einsatz beim Psalm müssen die Mönche in Kauf nehmen.

Aber auch für die Gebete, die den Tag strukturieren, gibt es einen klaren Plan. Bereits eine Woche vor meiner Ankunft  hat mir Bruder Jakobus  den Ablauf erklärt. Es hilft mir trotzdem, dass alles auch noch einmal in meinem Zimmer aufgeschrieben steht. Schließlich will ich kein Gebet verpassen und hangele mich mit dem Plan durch den Klosteralltag. 12.15 Uhr Mittagsgebet, 17.30 Uhr Abendlob und Eucharistiefeier, 19.30 Uhr Nachtgebet. Ob der Ablauf bei ihm inzwischen wie eine innere Uhr automatisch funktioniere, will ich von Bruder Jakobus wissen. Er überlegt kurz und sagt dann: „Es ist auch für mich wie ein Geländer, aber ich fasse es nicht mehr an.“

Mönche im Kloster Huysburg: Das essen die Gläubigen

Ich darf die Mönche auch bei den Mahlzeiten begleiten. Und so geht es nach dem Mittagsgebet aus dem alten, knarrenden Chorgestühl in den Speisesaal, das Refektorium. Ein Mönch hat Tischdienst  und bringt das Essen. Die Sitzordnung ist vorgeschrieben. An der Stirnseite sitzen der Prior und Bruder Jakobus als Stellvertreter. Zwei Tischreihen verlaufen Richtung Fenster und spiegeln die Hierarchie. Als Gast sitze ich als Letzter am Ende der Reihe.

Weniger streng geht es zu meiner Überraschung beim Essen selbst zu. Wer etwas auf seinem Teller hat, fängt an. Und wer fertig ist, steht auf und geht. Also genau das, was man seinen Kindern daheim abgewöhnen möchte. Ansonsten wird  bei den Mahlzeiten zwar geschwiegen, es ist aber nicht still. Ein Mönch  legt eine CD mit Klaviermusik ein. Es läuft „Für Elise“ von Beethoven. Reichlich bizarr, denke ich und beuge ich mich über meinen Teller mit einer Hähnchenkeule.

Ora et  labora – bete und arbeite, den Grundsatz beherzigt auch Bruder Jakobus. Nach dem ersten Gebet („Vigil“) um 6 Uhr in der Kapelle und dem Morgenlob („Laudes“) um 7.30 Uhr in der Klosterkirche ist dafür am Morgen Zeit. Auf seinem Schreibtisch türmen sich Bücher, Unterlagen und Briefe. Bruder Jakobus  ist auch  Geistlicher Leiter des Gästehauses und bietet Kurse, Seminare und Führungen an. Ist die Arbeit am Schreibtisch eine Art Ausgleich? „Nein“, sagt er, „das gehört alles zusammen, ich höre in meinem Büro nicht auf Mönch zu sein“. Vielmehr gehe es – wie bei anderen Menschen  – darum, alles unter einen Hut zu bekommen. „Ich arbeite gerne vielfältig, mache aber manchmal einfach zu viel.“

In der Einzelbegleitung hat der Benediktiner oft mit Menschen zu tun, die  Schicksalsschläge  verkraften müssen. Situationen, in denen er solchen Menschen helfen könne, seien für ihn Glücksmomente und Motivationsspritzen. Dabei ist sich Bruder Jakobus seiner besonderen Rolle und Verantwortung bewusst. „Ich bekomme von Menschen, die sich mir öffnen, einen enormen Vertrauensvorschuss, das ist wie eine Art Landeerlaubnis.“ Dass er als Mönch im Gegenzug auf viele Dinge wie eine Partnerin verzichten muss, möchte er gar nicht so sehr betonen. „Das ist keine eigene Leistung“, sagt Bruder Jakobus kurz vor unserem Abschied an der Klosterpforte. „Ich nehme es einfach als Geschenk, so geschaffen zu sein, dass ich so leben kann.“

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